Eine Philosophie fürs Leben

Nach Jahren als Ordensschwester im Kloster von Stams tanzt sie auf den großen Bühnen New Yorks: Die gebürtige Niederösterreicherin Apollonia Holzer lebt nach ihrer Lebensphilosophie - Liebe zur Bewegung.

Herzlich strahlt sie, diese zarte, bescheidene Frau mit dem braunen Lockenkopf. Man mag kaum glauben, dass sie seit 18 Jahren die Bühnen New Yorks mit ihren ausdrucksstarken Tanzshows verzaubert.  Apollonia Holzer – so außergewöhnlich ihr Vorname, so außergewöhnlich ist auch ihr Leben. Und doch zieht sich etwas durch ihre Geschichte wie ein roter Faden: ihre Liebe zur Bewegung.

 

1965 kommt die ausgebildete Tänzerin und Pilatestrainierin in St. Peter/Au (Bezirk Amstetten) zur Welt. Die Kindheit verbringt sie zusammen mit sieben Geschwistern am elterlichen Bauernhof, Bewegung war damals selbstverständlich, allerdings eher in Form von Arbeit, dennoch: „Mich verbindet mit meiner Kindheit ein Stück Freiheit, die ich auf den Wiesen mit den Kühen oder mit den Geschwistern im Stall verbracht habe“,  erinnert sich Apollonia. Die Liebe zur Natur und die Unbeschwertheit der damaligen Zeit inspirierten die 50-jährige bereits in jungen Jahren.

Eintritt in eine fremde Welt

Doch zunächst schien Apollonias Weg sich nicht von anderen zu unterscheiden. Sie begann eine Lehre zur Bürokauffrau in Steyr, am Wochenende ging die Künstlerin aus, vor allem um „Rock’n’Roll zu tanzen“. Bald zweifelt sie,  dieser Weg der richtige sei, erinnert sich Tänzerin. Denn sie bekam Einblick in ein Leben, das ihr bis dato völlig fremd war: Als Mitglied des Don-Bosco-Ordens lebte Apollonias Schwester in einem Kloster in Stams in Tirol. Die starke Gemeinschaft und die Leichtigkeit des Lebens innerhalb der Klostermauern machten ihr die Entscheidung letztendlich nicht schwer, nach der Lehre selbst in das Kloster einzutreten. Doch wie passt das Bild der freiheitsliebenden Tänzerin zu jenem einer Ordensschwester, die sich an strenge Regeln und Sitten zu halten hat? Ganz aus ihrem Leben verbannen konnte und wollte Apollonia Holzer die Bewegung auch im Kloster nicht und fand für sich einen Weg:  Sie studierte mit den Kindern im Kloster Theaterstücke ein und tanzte und sang mit ihnen. In der Ausbildung zur Sozialpädagogin in Innsbruck in dieser Zeit vertiefte sie ihre Fähigkeiten; doch durch die Arbeit mit den Kindern packte sie etwas, das sie nie wieder loslassen sollte: ihre Liebe zum Tanz. 

Erziehung mit dem Tanz zu kombinieren, war ihr großer Wunsch. In Rosalia Chladek fand sie die passende Lehrerin, die ihr den Eintritt in die Welt des Tanzes ermöglichte. Der Beginn gestaltete sich allerdings sehr schwierig; eine Ordensschwester, die den weltlichen Tanz erlernen wollte, galt in den 80er Jahre als äußerst exotisch. Erst auf ihr Beharren hin gestattete man Apollonia, die Ausbildung in Wien zu absolvieren, die ihr ganzes Leben veränderte. 1998 wagte sie schließlich den großen Schritt und trat aus dem Kloster aus. „Damals dachte ich mir: Gott gibt mir die Fähigkeit zu Tanzen und mich zu bewegen und ich kann das nicht so ausleben, wie ich es gerne möchte“, resümiert die Künstlerin über ihre Entscheidung, den Orden zu verlassen.  Als eine Bekannte schließlich von einem Urlaub in New York schwärmte, reifte in Apollonia selbst der Wunsch, die Stadt zu entdecken. Dort lernte sie das Tanzen an der Martha Graham School von der Pieke auf; um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete sie als Kindermädchen. Es folgten zahlreiche Ausbildungen in New York, im Jahr 2000 auch die zur Pilates-Trainerin. Bewegung sei so vielfältig, erzählt die Kosmopolitin: „Im Wort Bewegung steckt ja bereits so viel – bewegt sein, in Bewegung kommen. Für mich zählt nicht, wo ich bin, sondern wie ich dahin komme. Bewegung ist eine Lebensphilosophie.“

Individuelle Bewegungsform finden

 Ihr Leben gleicht seit ihrem Umzug nach New York einer Hochschaubahn. In Studios in New York und in Wien sowie auf großen Bühnen stellt die Künstlerin samt Ensemble beeindruckende Tanzdarbietungen auf die Beine. Auf der Bühne geht es meist um Themen der Zeit. Es werde schwieriger im Alter, sich zu bewegen, aber man bewege sich bewusster. Bewusst solle man auch die Bewegungsform finden, die individuell zu einem passe. „Es ist egal, ob man gerne spazieren geht, Yoga macht oder joggt. Was einem gefällt, sollte man machen. Die Gelenke werden wie geschmiert, das Blut erhält Sauerstoff und hilft wiederrum dem Gehirn. Viele der Krankheiten haben ihren Ursprung wohl auch in der fehlenden Bewegung und der raren Zeit, die wir an der frischen Luft verbringen“, erklärt Apollonia.

Individualität und die kreative Nutzung all ihrer Ausbildungen zieht Menschen in ihre Pilates-Stunden: Physiotherapeuten, Tänzer, Ärzte aber auch Schauspieler wie  Julie Hagerty und Kerry Washington. Mediziner, die sich mit dem menschlichen Körper bestens auskennen, haben immer wieder ein Aha-Erlebnis in den Pilateskursen, erzählt Apollonia stolz. Ihren Fokus  legt sie am Anfang ihrer „Lessons auf das Beobachten ihrer Klienten. Und fragt sich, welche Anleitungen sie auf ihrem Weg zu einem gesünderen Leben brauchen, denn: „Ich diene dem Menschen, nicht der Technik.“ Sie verschmilzt ihre Ausbildungen zur Sozialpädagogin, zur Tänzerin und zur Pilates-Trainierin mit den  Bedürfnissen der Menschen in ihren Workshops in New York, Wien oder Niederösterreich. „Es war mir immer zu wenig, ihnen beizubringen, was mir beigebracht wurde; ich verwirkliche meine eigenen Ideen“, sagt Loni. In welcher Form man die verschiedenen Figuren letztlich umsetzt, sei einem selbst überlassen.  Und sie fasst den Begriff Bewegung weit:  „Gedanken sind auch Bewegung – es ist wichtig, sich klarzuwerden, was man im Leben möchte und das so gut wie möglich auch zu realisieren“, lächelt die Tänzerin.

Auch wenn sie in New York ihre Heimat gefunden hat, kehrt sie regelmäßig nach Österreich zurück, von 2007 bis 2011 leitete sie in Wien ihr eigenes Studio.  Heute gibt sie Workshops im Tanz, Pilates sowie weiteren Bewegungsformen in ihrer alten Heimat. Viele Träume hat sich die Weltenbummlerin bereits erfüllt, einen ganz großen Wunsch hat sie noch: „Ein Seminarhaus am Rande von New York, wo ich verschiedene Seminare und Workshops geben kann, wäre toll. Ich hätte sogar schon einen Namen – einen deutschen – aber den verrate ich nicht.“

Vom Bauernhof über das Leben im Orden auf die Bühnen New Yorks – ein bewegtes Leben also, dass die zarte Tänzerin jung hält: „Den Blick für das Schöne im Leben, flexibel zu bleiben und sich und sein Leben in Bewegung zu halten – ich denke, dass kommt einem erfüllten Leben schon sehr nahe“.

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