Lebenslust pur

Man erlernt  rasch anspruchsvolle Choreographien, trainiert sein Hirn und bringt jede Menge Schwung ins Leben: Wer sich dem Seniorentanz anschließt, findet Bewegung, die Spaß macht, neue Freundschaften und die Lust am Leben.

Zwei Schritte nach vorne, eine Drehung und wieder in die Ausgangsposition - immer wieder üben sie die Grundelemente der Choreographie,  bis sie sitzen und Tanzleiterin Inge Pröstler die Musik am Laptop einschaltet. Und ab da spürt man ihn dann, diesen Zauber, der die gesamten zwei Tanzstunden lang in der Luft liegt: Anmutig bewegen sich die 16 Teilnehmerinnen über den alten Parkettboden im Horner Kunsthaus, elegant wechseln sie im Walzerschritt die Partnerin – und auf allen Lippen liegt ein glückliches Lächeln.

 

Figuren & Tänze

Was sich nach einer Ballettstunde junger Tänzerinnen anhört, ist in Wirklichkeit eine Stunde jener Tanzbewegung, die sich bereits über ganz Europa bis nach Brasilien ausgeweitet hat: Seniorentanz. In Horn gibt es sogar vier Gruppen. Pünktlich erscheinen die Damen im Kunsthaus. Zum Aufwärmen üben sie im Sesselkreis einfache Choreographien. Und dann geht es auch schon richtig los: Jede Dame sucht sich eine Partnerin, Inge Pröstler erklärt die Tanzschritte, die in schnellem Tempo eingeübt werden. Und obwohl die Bewegungen für die Teilnehmerinnen von Kurs zu Kurs neu sind, beherrscht die Truppe die Choreographie erstaunlich schnell. „Nirgendwo sonst gibt es solch eine Vielfalt wie bei Tanzen ab der Lebensmitte. Wir tanzen einfache Mixer mit Schritttänzen, verschiedene Figuren, Kontratänze, Lines, Squares und Walzer. Aber vor allem tanzen wir nichts in Gesellschaftshaltung, da wir ja nur Frauen sind“, erklärt Inge Pröstler, bis vor Kurzem Vorsitzende des Seniorentanz-Landesverbandes in Niederösterreich.

Tanzen erweckt Lebensgeister

Obwohl die Tanzbewegung sowohl für Frauen als auch für Männer zugänglich ist, sind nur etwa zehn Prozent aller tanzenden Senioren Männer.  „Ich denke, sie  lassen sich nicht so gerne von Frauen sagen, was sie zu tun haben. Und sie sind bequemer – Frauen nehmen ihr Leben ganz anders in die Hand“, sagt Pröstler.

Und darum geht es auch beim Seniorentanz: Sein Leben selbst in die Hand zu nehmen – und das ist eine Herausforderung; denn sind die Kinder aus dem Haus und der Partner vielleicht bereits verstorben, tritt leicht Einsamkeit ins Leben. Hier setzt auch das „Tanzen ab der Lebensmitte“ an, es weckt ein Stück Lebendigkeit und damit auch jede Menge anderer Dinge: „Man kommt aus dem Haus, richtet sich ordentlich her und zieht sich hübsch an. Und man hat einen Ort, wo man dazugehört, wo man hingehen kann und wo es einfach schön ist.“

Und gemeinsam hat man dann während den Tanzstunden vor allem eines: jede Menge Spaß. „Wir haben es sehr lustig, wir können über uns selber lachen und niemand ärgert sich“, lächelt die 72-jährige Inge Pröstler. Und diese Leichtigkeit wirkt wie eine positive Spirale: Zwei Stunden lang rückt der Alltag mit all seinen Sorgen und Unannehmlichkeiten in den Hintergrund, zwei Stunden lang „tut einem nichts weh“.  Es gibt kein Limit, was das Alter der Tänzerinnen angeht: Frauen Mitte 40 gesellen sich da genauso aufs Tanzparkett wie so manche 90-jährige.

„Ein Glücksfall“

 Dabei  kostet es gerade im Alter Überwindung, sich auf unbekanntes Terrain zu wagen. Inge Pröstler kennt das Gefühl selbst nur zu gut: Eine Freundin, die bereits seit 20 Jahren getanzt hatte, nahm sie damals mit in eine Stunde. Und erzählte ihr dann: „Als du gekommen bist, hab ich mir gedacht, das wird nie was.“ Denn in den ersten, zaghaften Versuchen am Parkett ist von der späteren Leichtigkeit meist wenig zu spüren: Verkrampft und verspannt versucht man mitzutanzen, die Schritte sind meist viel zu groß. Inge Pröstler blieb trotzdem dabei, entdeckte ihre Leidenschaft für den Seniorentanz und führt heute insgesamt vier Gruppen im Waldviertel: „Es war einfach ein Glücksfall in meinem Leben.“

Obwohl sich immer wieder engagierte Tänzerinnen die Ausbildung zur Tanzleiterin abschließen, sucht der Verband passende Frauen und Männer, die künftig auch Gruppen führen können. In Niederösterreich gibt es bereits 156 Tanzgruppen, in manchen Teilen herrscht aber trotzdem  „ein großer, weißer Fleck“. Dabei sorgt der Verband dafür, dass die Tanzbewegung immer mehr in die Öffentlichkeit tritt. Gut vernetzt präsentiert sich das Tanzen ab der Lebensmitte im Internet (www.seniorentanz.at); die Zeitschrift „treffpunkt:Tanz“ erscheint einige Male im Jahr.

Tanzen als Gesundbrunnen

Die neuen Tanzbewegungen, die von Stunde zu Stunde eingeübt werden, fordern von den Damen jede Menge Konzentration. Und die wird auch ordentlich trainiert: Im Kleinhirn befindet sich eine Art Taktgeber, der einem Metronom gleicht. Dieser Taktgeber ist verbunden mit Seh,-Hör,-und Gleichgewichtsorgan und erhöht die Konzentrationsfähigkeit. Gerade durch das regelmäßige Tanzen wird es besser durchblutet. Und vor allem: Auch nach langen Ruhephasen erweckt die regelmäßige Bewegung das Taktgefühl wieder. Und das Tanzen trainiert nach und nach auch etwas, dass vor allem im Alltag älterer Menschen lebensnotwendig sein kann: Die Trittsicherheit wächst durch die bewussten Schritte und Figuren, das  verringert automatisch das Sturzrisiko im Haushalt.

Nicht nur der Körper reagiert positiv auf die tänzelnden Bewegungen, auch die Seele profitiert: Die Musik weckt oft Erinnerungen an längst vergangene Tage und holt schöne Momente wieder ins Bewusstsein. Inge Pröstler bleibt ein ganz besonderer Moment im Gedächtnis,  dass sie in ihrer Ausbildung erlebte: Sie gestaltete gemeinsam mit Kolleginnen ein Fest in einem Altersheim. Eine Bewohnerin wurde damals im Rollstuhl gebracht, in dem sie apathisch saß. Inge und die anderen Damen versuchten, sie mittels einfachen Bewegungen und Übungen anzuregen, aber nichts half. Doch als die Musik aufgedreht wurde und der Schneewalzer erklang, reagierte die Frau –und den Tanzleiterinnen standen die Tränen in den Augen. „Irgendetwas hat dieser Walzer in ihr  wachgerüttelt. Solche Erlebnisse gibt es oft;  wir beachten viel zu wenig, was die Musik mit uns macht“.

Seniorentanz plus

Getanzt wird nicht nur in organisierten Kursen, sondern auch in Heimen, Tageszentren oder in Selbsthilfegruppen: „Seniorentanz plus“ ist ein ganzheitliches Aktivierungskonzept, das Menschen, die in ihrer Bewegung bereits sehr eingeschränkt sind, zu mehr Lebendigkeit, Selbstvertrauen und  Beweglichkeit verhilft. Die Musik wirkt entspannend und sorgt dabei für Glücksmomente.  Diesen Hintergedanken hegte auch eine Ärztin Mitte der Siebziger Jahre im oberösterreichischen Strobl, als sie ihre Schwiegermutter in ein Heim brachte und mit ansehen musste, wie sie dahinvegetierte. Diese  Ärztin begann, die alte Dame im Sitzen zu bewegen und anzuregen - der Seniorentanz war geboren. Wichtig ist Inge, dass Seniorentanz nicht mit Seniorentanzen verwechselt wird: „Senioren tanzen für gewöhnlich etwas langsamer hin und her. Bei uns hat jedes Musikstück eine eigene Choreographie. Das Tanzen ist dabei gar nicht so wichtig wie das Umsetzen der Bewegungen.“

Gemeinschaft  pflegen

Überwindet man seinen inneren Schweinhund und schließt sich einer Tanzgruppe an, dann macht das Tanzen vor allem eins: Lust auf das Leben. Mit einem gelungenen Line-Dance beendet die Tanzgruppe in Horn die zweistündige Einheit, müde sieht aber keine der Damen aus, im Gegenteil: Sie  lächeln entspannt und tratschen angeregt miteinander. „Auch über 70 finden sich oft Freundschaften bei uns“, sagt Pröstler. Und diese werden dann auch nach dem Kurs gemeinsam gepflegt, etwa bei einem Besuch in einem kleinen Restaurant. Der Tenor nach dem Tanzkurs ist immer der gleiche, erzählt die engagierte Hornerin: „Schön war es wieder, ich freu mich schon auf das nächste Mal. Und pass nur auf dich auf, dass dir nichts passiert.“ Dass das Leben  wohl auf wenige Jahre begrenzt ist, wissen diese Frauen, bis dahin bringen sie aber mit dem Tanzen etwas in ihr Leben, das so manchem vielleicht gar ein ganzes Leben lang fehlt: Lebendigkeit und Freude.

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