Der Mensch zählt

Engagement/ Das Soziale Netzwerk Pöchlarn startete 2009 mit einem Sozialratgeber und unterstützt jetzt vor allem syrische Flüchtlinge auf dem Weg in ein neues Leben

Das Sonnenlicht durchflutet ihn, den hellen Hof, der zum Eingangstor des ehemaligen Rathauses in Pöchlarn führt. Früher wurde hier debattiert und diskutiert und wurden gemeinsam neue Vorhaben für die Zukunft beschlossen. Heute ist es nicht minder ruhig, eines jedoch hat sich verändert: Statt Lokalpolitiker besuchen ein paar Mal in der Woche frischgebackene Pöchlarner das Haus, die aus der Türkei, Polen, Afghanistan und vor allem aus Syrien kommen.

 

Projekt startete im Jahr 2009

Seit Anfang August findet im alten Rathaus drei  Mal in der Woche ein Deutschkurs für Flüchtlinge statt; initiiert und umgesetzt wird diese Aktion vom Projekt „Soziales Netzwerk Pöchlarn“. Hinter dem Projekt stecken sieben Damen,  für die soziales Engagement nicht nur zum guten Ton gehört, sondern vor allem eine Herzensangelegenheit ist. Seinen  Anfang fand das Projekt im Jahr 2009, als Pöchlarn zum zweiten Mal  Teil des Stadterneuerungsprojektes war. Gemeinderätin Helene Bergner hatte damals schon den Wunsch, etwas zu schaffen, das vor allem Notleidenden zugutekommt: „Wir haben Gruppen gebildet und ich habe mich der Generationengruppe angeschlossen. Im Hinterkopf hatte ich schon einen Sozialfond, der Geld für Bedürftige beinhalten sollte.“ Gestartet wurde aber  vorerst mit einem Sozialratgeber.

Menschlichkeit im Vordergrund

Die übersichtliche Broschüre listet all jene Anlaufstellen auf, die in einer Notsituation Halt geben können: „Wohin wende ich mich zum Beispiel, wenn meine Tochter magersüchtig ist? Unser Ratgeber zeigt alle Stellen in der Stadt und im Bezirk auf, die Hilfe bieten.“ Helene Bergner und ihr Team entwickelten immer mehr Ideen, um in Pöchlarn die Menschlichkeit in den Vordergrund zu stellen: Die Vortragsreihe „Soziale Einrichtungen“ stellte die wichtigsten sozialen Häuser vor, der Sozialfond wurde doch dank Spendengelder eingerichtet und steht jederzeit bereit, um Notdürftigen zu helfen, etwa wenn ein Brand die Wohnung zerstört hat oder ein verunfalltes Kind gefördert werden soll.

Gemeinsam wurde auch der Schlosspark, ein beliebter Treffpunkt für betagte Bewohner des nahen Seniorenwohnheimes, barrierefrei umgebaut, gemeinsam kochten die Damen mit Interessierten, die gesund und vor allem für sehr kleines Budget Essen zubereiten wollen. 2011 starteten die karitativen Ladys dann eine Offensive, die sich bis heute hält und die sich großer Beliebtheit erfreut: Zwei Mal in der Woche findet eine Lernbegleitung statt, die Kindern mit Migrationshintergrund, Flüchtlingskindern und österreichischen Kindern die Möglichkeit bietet, schwierige Themen aus dem Unterricht zu üben und Schwächen zu verbessern.

Neue Bleibe in Gasthaus gefunden

Gut gelaunt steckt ein junger Mann seinen Kopf zur Tür herein, grüßt auf Deutsch und macht sich auf den Weg in einen der Räume, die für den Deutschunterricht vorbereitet wurden. Er  kommt aus Afghanistan und lebt seit Anfang Juli in Pöchlarn, gemeinsam mit 24 anderen Flüchtlingen, die in einem ehemaligen Gasthaus dank eines engagierten Bewohners eine neue Bleibe gefunden haben. Bereits im März habe es dazu eine Informationsveranstaltung gegeben; dabei seien „so viele positive Stimmen laut geworden“, dass die Unruhen, die es auch im Vorfeld gegeben habe, untergegangen seien, erzählt Bergner. Für die Unterkunft ist gesorgt, für alles andere kam dann das Soziale Netzwerk ins Spiel: Die Damen sammelten Sachspenden für die neu angekommenen Menschen, organisierten günstige Einkaufsmöglichkeiten wie die Team Österreich Tafel und überlegten vor allem, wie man den Menschen jenes Instrument beibringen könne, dass zum Leben und Überleben unverzichtbar ist: Sprache. Helene Bergner, selbst pensionierte Lehrerin, fand neben ihren Kolleginnen, von denen einige als Pädagoginnen gearbeitet haben, eine Handvoll Studenten und Freiwillige, die die Flüchtlinge ein Stück weit begleiten und unterstützen wollen, damit diese rasch der deutschen Sprache mächtig werden.

Deutschkurs zeigt erste Erfolge

Anfang August wurde im alten Rathaus gestartet, und die Begeisterung über so viel freiwilliges Engagement ist den überwiegend jungen Menschen anzusehen: Fröhlich und gut gelaunt treffen nach und nach rund zwanzig Asylsuchende ein. Gelernt  wird in drei Gruppen, eine Gruppe hat sich erst vor Kurzem gegründet und besteht aus Frauen aus der Türkei, die teilweise bereits seit zehn Jahren in Pöchlarn leben. Die Gelegenheit, die Sprache von Grund auf zu lernen, hat sich ihnen aber bisher nicht geboten. Unter den sieben Damen des Projekts ist auch die junge Türkin Ayse. Die 28-jährige kam bereits als Kind nach Österreich und lebt jetzt mit Mann und Kindern in Pöchlarn. Sie war es, die die Frauen aus der Reserve lockte und zu einem Kurs überreden konnte, den sie mittlerweile mit großem Ehrgeiz besuchen.

Im Nebenzimmer widmet sich eine pensionierte Lehrerin den Anfängern, geübt wird Grundlegendes wie der Name oder der Geburtstag.  In dieser Gruppe ist es eher ruhig, da die einfachsten Sätze nicht verstanden werden. Spaß macht der Unterricht trotzdem, denn mit Händen und Füßen zu unterrichten ist selbst für die erfahrene Pädagogin ein ganz neues Erlebnis. Die dritte Gruppe ist da schon etwas weiter: Zügig werden Arbeitsblätter behandelt und Sätze geschrieben. Unter ihnen ist die blonde Maesan, die mit ihrem herzlichen Lachen die ganze Gruppe ansteckt. Kaum jemand mag vermuten, dass die 36-jährige einige Monate zuvor alleine mit ihren beiden Kindern aus Syrien geflüchtet ist. Mittlerweile hat die Frau einen anerkannten Flüchtlingsstatus erhalten und lebt in einer Wohnung.

„Es ist eine Win-Win Situation“

Nach einer Stunde ist der Unterricht beendet, eine Hausübung soll die jungen Asylanten dabei unterstützen, das eben Gelernte zu verinnerlichen. Im Erdgeschoss des Rathauses befindet sich ein Sachspendenlager, eine Art Second-Hand Shop, der nach dem Kurs für die Menschen geöffnet ist. Der Wetterumschwung ist für die meisten Flüchtlinge ungewohnt, herrscht doch in Syrien zum Beispiel gerade Sommer. Einige holen sich warme Kleidung und machen sich wieder auf den Weg nach Hause. „Die Flüchtlinge sind uns einfach in den Schoß gefallen“, erzählt die pensionierte Landwirtschaftslehrerin, das Soziale Netzwerk widmet sich einfach jenen Themen, die gerade im Moment besonders wichtig seien. Wichtig am sozialen Engagement, das das Netzwerk zweifelsohne vorbildlich erfüllt, ist aber auch der persönliche Gewinn: „Es ist eine Win-Win Situation. Das muss so sein, sonst gibt man auf. Es entstehen viele Freundschaften im Team und das Unterrichten macht uns immer noch Spaß.“ Geplant wird immer nur zwei Monate voraus, denn vor allem die Überschaubarkeit ist bei der Fülle an Aktivitäten besonders wichtig.

Lernbegleitung, Deutschunterricht, Sozialfond – warum verbringt man die Zeit in der Pension damit, anderen zu helfen? „Es ist das gute Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Momentan ist es für mich die richtige Beschäftigung. Die Leute sind irrsinnig aufgeschlossen und wollen etwas zurückgeben, das erleichtert das Ganze schon sehr“, sagt Bergner. 

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