Willkommen in einem neuen Leben

Asyl/ Die Flüchtlingsinitiative „Willkommen Mensch“ nimmt Menschen auf, die in ihrer Heimat alles verloren haben und hilft neben Sachspenden und finanzieller Unterstützung vor allem mit einem: Mit ihrer Zeit

Kalt sei es gewesen, und der plötzliche Wintereinbruch habe sie überrascht, erinnert sich Suleyman Omar an seine Ankunft in der Gemeinde Seitenstetten. Gemeinsam mit seiner Frau Nyros und den zwei Kindern kam der 35-jährige am 29. Dezember 2014 in seinem neuen Leben an. Mit im Gepäck: einige persönliche Dinge, Spielsachen der Kinder und ein anerkannter Flüchtlingsstatus. In Seitenstetten steht der Familie aus Syrien eine geräumige, mit dem notwendigsten ausgestattete Wohnung im Ortskern oberhalb eines Cafés zur Verfügung. Doch nicht nur das: Eine Gruppe von Menschen begrüßte die Familie, half gerade in den Anfängen und verbringt Zeit mit den Omars. Es waren die  Unterstützer der Initiative „Willkommen Mensch“.

 

Infoabend brachte den Stein ins Rollen

Knapp zwei Monate zuvor legte ein Anruf den Grundstein zu dem Projekt, das niederösterreichweit seither Nachahmer findet. Initiator und Pastoralassistent Andreas Laaber war gerade im Auto unterwegs, als ihn ein Anruf eines Bekannten erreichte: „Er habe im Radio von den vielen Flüchtlingen gehört und ob wir nicht auch im Stift etwas unternehmen könnten“, erinnert sich der Seitenstettner. Nur im Stift etwas zu unternehmen, war Laaber zu wenig. Er wollte auf gesellschaftlicher Ebene eine Gruppe bilden, die in allen Belangen unterstützend zur Seite steht. Laaber ließ der Gedanke nicht mehr los;  im Pfarrgemeinderat und im Sozialausschuss der Gemeinde unterstützte man seine Idee, Asylanten einen Zufluchtsort zu schaffen. Mitte November – Laaber hatte bereits einige Gleichgesinnte gefunden – veranstaltet der Pastoralassistent einen Infoabend, der auf breite Zustimmung und großes Interesse stieß. Neben Interessierten aus der Gemeinde Steinakirchen am Forst war auch die Caritas vor Ort, die bereits länger auf der Suche nach einer Idee war, die funktioniert. Im Laufe des Abends fanden sich bereits potentielle Wohnmöglichkeiten und Menschen, die mit Geld, Informationen und vor allem ihrer Zeit helfen wollten.  Zwei Wohnungen wurden im Winter gemeinsam renoviert und mit gespendeten Möbeln ausgestattet. Für die Familie Omar, die als erste Familie in Seitenstetten ankam, war die Marktgemeinde aber keineswegs fremd. Bereits nach ihrer Flucht aus Syrien im Jahr 2012 lebte die Familie nach Aufenthalten in Traiskirchen und St. Pölten bereits in Seitenstetten, unentdeckt und unter katastrophalen Umständen. Ohne Heizung schlief das Ehepaar am kalten Fußboden, die kleine Tochter war damals ein Jahr alt, Nyros hochschwanger. Andreas Laaber und das Pfarrteam bekamen  von der Anwesenheit der Familie nichts mit, die schließlich mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Vorarlberg ging. Doch auch dieser Plan scheiterte und die syrische Familie kehrte nach St. Pölten zurück. Dort lernte der pensionierte Seitenstettner Deutschlehrer Walter Wagner die Omars kennen und unterstütze sie bei Behördengängen, beim Erlernen der Sprache und freundete sich mit den Flüchtlingen an.

„Oft reicht es, zuzuhören“

Nachdem die Wohnungen renoviert waren und ein reges Netzwerk an Unterstützern gefunden wurde, war schnell klar, dass die Familie  zurück nach Seitenstetten geholt werden sollte. Und dieses Mal unter geregelten Umständen ein neues, sicheres Leben starten konnte. In den ersten Monaten fanden die Omars viel Unterstützung bei Behördengängen und alltägliche Dingen, trotzdem sei der Anfang schwierig gewesen: „Jetzt, nach einem halben Jahr, kann man sagen, dass sie angekommen sind“, sagt Laaber. Wenn die eigenen Kindern später einmal nicht mehr richtig kurdisch sprechen können, die Ehefrau plötzlich mit dem Fahrrad fahren darf und man einen Führerschein braucht, um einen PKW zu lenken, gerate man als Syrer in eine Identitätskrise. „Oft reicht es einfach, zuzuhören und da zu sein. Diese Ängste, die die Menschen plagen, kann man sich gar nicht vorstellen“, fügt Laaber nachdenklich hinzu. Hilfe – ist ein aktuell fast überstrapaziertes Wort, dass sich vor allem zwischen einem schmalen Grad bewegt: „Die Zugänge zur Hilfe sind sehr unterschiedlich. Der Grat zwischen ehrlicher Hilfe und Bevormundung ist sehr schmal. In jeder Kultur gibt es gewisse Regeln und es dauert einfach eine Zeit, diese anzunehmen und zu leben.“

Initiative machte Schule

 „Wir würden uns wünschen, dass unsere Idee weiter Schule macht und auch andere Gemeinden Flüchtlinge bei sich aufnehmen und akzeptieren,“ so Schwester Michaela Gehart, die das Projekt tatkräftig unterstützt, im Dezember vergangenen Jahres. Dieser Wunsch konnte sich im Laufe der Monate erfüllen. In zehn Gemeinden – von Lunz bis Horn – wurden bisher unter dem Namen „Willkommen Mensch“ Flüchtlinge aufgenommen, wurde gespendet, zusammen Deutsch erlernt, Behördengänge organisiert und vor allem: Miteinander Zeit verbracht.

Im Juli wurde dann der nächste Meilenstein der erfolgreichen Initiative gesetzt. Ein Team erstellte eine professionelle Homepage, die gleichzeitig  auch eine Austauschplattform für die einzelnen Ortsgruppen sowie Interessierten bereithält. Zurzeit bereitet die Caritas auch sogenannte Vernetzungstreffen vor, bei denen sich alle Unterstützer von „Willkommen Mensch“ kennenlernen können.

Im Februar traf in Seitenstetten die zweite syrische Familie ein. Mittlerweile ist ein halbes Jahr vergangen, Suleyman Omar hat einen Job in seinem erlernten Beruf als Schneider gefunden, seine Frau besucht einen Deutschkurs in St. Pölten. Anfangs sollten die Wohnungen nur für ein Jahr zur Verfügung stehen, mittlerweile wurde der Mietvertrag um ein weiteres Jahr verlängert; vor allem um den Familien die Wohnungssuche zu erleichtern.  Die Grundbedürfnisse der Familien sind jetzt gedeckt, die Erstbetreuung vorbei. „Da stellt man sich langsam die Frage: Ist das jetzt nur Betreuung oder Freundschaft?“, sagt Laaber, für den aber ohnehin längst klar ist: „Ich sage immer zu Suleyman: Wir zwei, wir sind Brüder.“

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