Reise in die Vergangenheit

Andere Welt/ Handwerk, Bräuche und vor allem der Alltag aus vergangenen Tagen - der Mittelalterverein  Soturi taucht ein Wochenende lang ab in eine vergangene Zeit.

In den Wochen vor dem Besuch auf einem der zahlreichen Mittelaltermärkte wuchert der Bart im Gesicht von „Chef“ Thomas Prandner, obwohl ihm der eher lästig ist: „Nach dem Wochenende kommt der Bart wieder ab. Aber ein Wikingerchef ohne Bart? Das würde nicht gehen!“

Gewandung ausschließlich aus Leinen

Altertümliche Musik und verschiedenste Gerüche liegen in der Luft, als der Mittelalterverein „Soturi“ - zu Deutsch „Krieger“ -  in Jedenspeigen (Bezirk Gänserndorf)  ankommt, wo eines der größten Mittelalterfeste über die Bühne geht. Bevor es in das dichte Gedränge aus Ständen, Gauklern und Rittern geht, gewanden sich die Vereinsmitglieder, die alle aus dem Mostviertel stammen, unter Prandners Anleitung. Und das alleine erfordert viel Geduld: Die „Gewandung“ besteht ausschließlich aus Leinenkleidung; bei den Herren eine Hose, ein Hemd und eine Weste darüber, die Damen ziehen ein luftiges Kleid an.

 

Ausbruch aus der „normalen“ Welt

Angekommen am Areal nahe des Schlosses Jedenspeigen, treffen Thomas und seine Genossen auf die ersten befreundeten Gruppen, die ihr Lager auf einem Feld aufgeschlagen haben. Es wird ausführlich geplaudert, Stress kennt hier niemand.  „Es ist für uns ein Ausbruch aus der normalen Welt. Und es ist erholsam, ein Wochenende auf das Handy zu verzichten“, sagt Thomas.  Stattdessen wird das Leben im Mittelalter erprobt, und das mit all seinen Tücken: Wasser holen sie von einem Holztrog, Licht spenden Kerzen und Petroleumlampen. Der Verein praktiziert vor allem das, was im Mittelalter zum alltäglichen Leben gehörte: Thomas schmiedet Rüstungen, die Männer generell kümmern sich um die Unterkunft, die Frauen machen den Haushalt.


 „Es ist eine verdeckte Szene“

Um die Mittagszeit sind die meisten Gruppen eingetroffen und ziehen durch die mittelalterliche „Kleinstadt“. Beim genaueren Betrachten der zahlreichen Menschen wird schnell klar: Den stereotypischen Mittelalterfan gibt es nicht. Von Jung bis Alt und aus allen Gesellschaftsschichten tauchen Menschen ein paar Mal im Jahr in eine längst vergangene Zeit ein. Und bleiben dabei meist unter sich: „Es ist eine verdeckte Szene, die mittlerweile immer mehr Menschen begeistert. Eine versteckte Leidenschaft -  eine Art Fetisch“, erklärt der Biberbacher.
„Ich denke, jeder von uns ist froh, dass wir nicht im Mittelalter leben.“
Der Hype rund um Burgfräulein und tapferen Krieger entstand nicht zuletzt durch bekannte Hollywoodfilme wie „Der Herr der Ringe“, die vor zehn Jahren für einen regelrechten Boom in der Szene sorgten. Thomas Prandner entdeckte bereits vor zwölf Jahren seine Liebe zur Geschichte, als er zufällig eine Mittelalterveranstaltung in Waidhofen/Ybbs besuchte. Die Faszination ließ ihn nicht los; bei einem Fest in Deutschland kaufte er sich dann das „größte Schwert, das es damals gab“.


Ausgesuchte Momente der Vergangenheit

Das Schwert steht auch im Mittelpunkt des Ritterturniers, dem Höhepunkt des Wochenendes. „Ritter“ liefern sich ein beeindruckendes Schauspiel. „Mir geht es beim Kämpfen vor allem um den sportlichen Aspekt. Man braucht ein hohes Maß an Fitness, denn mitsamt der Rüstung geht man mit rund 140 Kilogramm in die Schlacht.“ Angst, dass er sein Leben zu sehr in der Vergangenheit verbringt, hat der 32-jährige nicht: „Nur in dieser Zeit zu leben, wäre nicht gut. Ich denke, jeder von uns ist froh, dass wir nicht im Mittelalter leben. Man pickt sich die paar schönen Momente heraus, die es damals gegeben hat.“ Am Abend kehrt Ruhe ein auf den Feldern vor dem Schloss, die Besucher verabschieden sich und die Vereine sind unter sich. Am nächsten Tag packen Thomas und seine Kollegen zusammen, in Gedanken besucht der Biberbacher aber bereits das nächste Fest, denn: „Ich mache weiter bis zu dem Tag, an dem es mir keinen Spaß mehr macht. Aber der Tag ist noch weit entfernt“.

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